Orgelkonzert

Franz Liszt schrieb seine „Missa choralis“ im Jahre 1865. Stilistisch stellt sie eine geniale Synthese zwischen dem Stil der Gregorianik, der a-cappella-Polyphonie der Renaissance und den zeitgenössischen Ausdrucksmitteln der Romantik dar. In der Originalfassung hat Liszt dieser Messe nur eine spärliche Orgelbegleitung beigegeben, die zudem oft über viele Takte hinweg pausiert und es so dem Chor schwer macht bei den extremen harmonischen Rückungen sowohl die Intonation wie auch die Tonhöhe zu halten. Um diese großartige Messe für die Praxis „normaler“ Kirchenchöre zu retten, habe ich mich entschlossen sie so zu instrumentieren, dass Holzbläser streckenweise mit den Chorstimmen gehen, während den Blechbläsern die farblichen Valeurs vorbehalten bleiben und sie bei Tutti-Stellen ihre Kraft ins Spiel bringen dürfen.

Widors Messe in fis-moll op. 36 – seine einzige Messkomposition überhaupt – stellt einen Sonderfall dar, ist sie doch den örtlichen Gegebenheiten der Kathedrale von St. Sulpice in Paris geschuldet, wo Widor seit 1870 wirkte. Die Besetzung sieht einen 1- bis 2-st. Männerchor vor (das waren damals die 200 Seminaristen des Priesterseminars), einen 4-st. Chor (die damalige Maítrise von St. Sulpice hatte etwa 40 Choristen), eine Chororgel und die gewaltige „Grande orgue“, neu gebaut von Cavallié Coll. Chor und Männerchor waren bei der Chororgel im Chorraum positioniert, während die „Grande orgue“, mindestens 80 Meter entfernt von der Empore donnerte. Adäquate Verhältnisse kann man nur in sehr großen Kirchen mit zwei angemessen disponierten Orgeln herstellen, von der Fülle der Männerstimmen ganz zu schweigen. Damit auch diese interessante Messe für die Praxis gerettet werden konnte, habe ich sie schon vor Jahren für 5-st. Chor und 10 Bläser instrumentiert, ohne auch nur einen einzigen Ton des Originals zu verändern.

Zwischen einzelnen Teilen der Messe spielt der Konzertorganist Johannes von Erdmann Werke von Widor und Liszt, darunter dessen großangelegte Phantasie über das Thema B-A-C-H.

Wolfgang Jacob